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DAV-Ausbildungskurs „Klettersteig für Fortgeschrittene“

vom 28.5.-31.5.2018 im Ötztal

Wir wollen’s wissen!

Ich hänge in einer steilen Klettersteigpassage der Geierwand im Inntal und bastle an meiner Fixsicherung. Einige Meter unter mir hängt Tommy und mimt, dass er nicht weiterkommt und meine Hilfe durch Nachsichern braucht.

Nun muss ich anwenden, was wir zuvor im Trockenen geübt haben. Zaghaft setze ich mich in meinen Gurt, bis ich die Gewissheit habe: es hält, was ich unter Klaus` wachsamen Augen geknotet und eingehängt habe. Tommy steigt am kurzen Seil nach und ich konzentriere mich darauf, ja nicht das Bremsseil aus der Hand zu lassen: Umgreifen oder Tunneln ist die Aufgabe. Die Übungen empfinde ich anstrengender als das Steigen selbst. Aber genau deshalb bin ich hier. Ich will wissen, wie sichere ich im Klettersteig nach? Wie kann ich eine schwierige Stelle überwinden? Wie gehe ich am besten über eine Seilbrücke? Wann brauche ich einen Mastwurf und wann einen Halbmastwurf? Wozu dient ein doppelter Spierenstich? Oder wie baue ich einen Flaschenzug?  Meine Neugierde teilen neben Tommy noch Marita, Gertrud, Andrea und Martin, die sich ebenfalls zum Ausbildungskurs angemeldet haben. Wie schön, lauter bekannte Gesichter dabei zu haben. Da kommt neben Adrenalin und Anstrengung auch Urlaubsstimmung und Entspannung auf.

Im oberen Gamsband läuft der Klettersteig langsam aus und wir rasten im Baumschatten. Der Abstieg ist kein Vergnügen - der Weg ist steil und schottrig, die Hitze schlägt uns wie Wellen ins Gesicht und unsere Beine sind staubig wie die von Straßenkehrern. Die Kleider kleben am Körper und als wir endlich unsere Füße (außer Klaus, der mal so schnell ganz untertaucht) in den reißenden Inn halten, meine ich fast, ein Zischen zu hören. Kaffee und Kuchen locken in der Ferienwohnung zu einem gemütlichen Plausch, bevor es mit Seil- und Karabinerkunde und mit Flaschenzugbau am Schaukelgestell weitergeht. Irgendwann haben wir mehr Knoten in den Händen als in den Seilen und wir gehen zum gemütlichen Teil über. Martin beobachtet mit größtem Interesse die immer höher werdenden Hasenzäune unserer Vermieter und schließt sogleich Freundschaft mit Blacky, der sich schon auf die nächtliche Buddelei vorzubereiten scheint, sehr zu Martins solidarischer Freude.

Am  nächsten Morgen überrascht uns ein kurzer Regenschauer nach dem Frühstück und wir ziehen etwas verspätet Richtung Stuibener Wasserfall. Bei sieben Personen, einer Toilette im Bad, mindestens drei Tassen Kaffee oder Tee ist eh mit etwas morgendlicher Verzögerung zu rechnen. Klaus führt grinsend eine imaginäre Strichliste, weil er es nicht glauben kann, wie oft die Damen sich für kurze Zeit verabschieden.

„Vorsicht, heißes Seil!“ ist heute unser Motto. Wir sollen darauf achten, möglichst locker das Seil zu halten und gehen für eine Sensibilisierung unserer Sinne ein Stück mit geschlossenen Augen. Bevor die Massen von Klettersteiggehern anrücken, üben wir noch unseren Flaschenzugbau vom Vortag. Doch anscheinend habe ich zu viel gefrühstückt, denn Tommy bringt mich ohne meine Mithilfe nicht nach oben. Der Steig führt uns immer näher Richtung Wasserfall, wir spüren die Kühle und klettern das letzte Stück parallel zur tosenden Gischt nach oben. Geflasht von der Macht des Wassers wählen wir nicht die Chickenline, sondern überqueren den Wasserfall via Seilbrücke. Über uns spannt sich ein Felsentor, das durch jahrtausendlangen Abrieb entstanden ist. Beobachtet von vielen Touris überlegen wir kurz, wie wir uns verkaufen: Angeberisch, d.h. in voller Montur und klappernd die vielen Stufen hinunter oder bescheiden, indem wir alles in den Rucksack packen. Wir entscheiden uns für „bescheiden“ und genießen dafür umso mehr das Naturschauspiel, das sich uns bietet. Tausende Liter von Wasser stürzen jede Sekunde weitausladend herunter, schäumen auf, wirbeln ineinander und übereinander und setzen uns, begleitet von einem schillernden Regenbogen, in Faszination. Immer wieder bleiben wir stehen, um zu schauen und zu staunen. Die Realität begegnet uns spätestens am Ötzidorf wieder, an dem unser Auto steht. Wir sind hungrig, haben aber keine Lust, schon in die Unterkunft zurückzufahren, auch wenn Martin schon auf die Neuigkeiten aus dem Hasengehege wartet. Unterhalb des Lehner Wasserfalls stärken wir uns und plänkeln herum. Ich sage nur „dicke Backen“ und jeder von uns sieben weiß Bescheid. Am Einstieg erwartet uns eine steile Wand und etwas Aufregung, denn wir wissen aus dem Topo, dass wir in der nächsten Stunde auf eine E-Stelle treffen werden. Können wir sie überwinden? Reichen Kraft und Technik aus? Sind wir mutig genug? Dann haben wir sie vor uns: ein Überhang! Zwar mit Stahlbügeln versehen, aber trotzdem nicht ganz easy. Wir scharen uns unterhalb zusammen und Klaus erklärt uns, wie diese Herausforderung zu schaffen ist. Nacheinander trotzen wir der Schwerkraft, die an Armen und Beinen zieht und unseren Allerwertesten ins Tal schauen lässt. Pausenschlinge einhängen, Klettersteigkarabiner umklippen, in den Gurt sitzen, durchschnaufen, Arme ausschütteln. Und das Ganze wieder von vorn. So lässt sich Schritt für Schritt der Überhang bezwingen und wir sind stolz und froh, es geschafft zu haben. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass das nächste Spektakulum bereits auf uns wartet. Eine lange Seilbrücke direkt über den Lehner Wasserfall, welcher der große Bruder von dem Wasserfall von heute Morgen sein könnte. Gertrud, Tommy und Klaus scheuen nicht, eine nasse und kalte Dusche abzubekommen und wagen es. Als wir sie wieder treffen, sprudelt es nur so aus ihnen heraus: „Voll cool! Wow, war die lang! Ich bin patschnass! Mir wurde ganz schwindlig! Ich sah nur noch Wasser und Gischt!“ So geht das noch eine ganze Weile beim Abstieg – dieses Erlebnis muss erst einmal verdaut werden.

Zurück in der Ferienwohnung hat Martin seinen Spaß. Denn die Vermieter haben den Zaun noch höher gebaut und sogar mit Strom gespeist. „Morgen früh sitzt Blacky auf dem großen Stein hinter dem Zaun“, prophezeit Martin und er sollte Recht behalten.

Nach einer Vollmondnacht bricht der nächste Tag an und wir fahren nach Nassereith. Die „Leite“, ein süd-ost ausgerichteter Klettersteig ist unser Ziel. Ein Blick nach oben genügt und unser Herz rutscht ein Stück weiter in die Hose: keine Bügel, keine Tritte, keine Hilfen! Nur das Seil und der Fels! Und ein paar D-Stellen! An einem ausgebrochenen Haken wendet sich das Blatt der letzten beiden Tage und wir sind nicht mehr die, die sichern, sondern die, die gesichert werden wollen. Doch Klaus wäre nicht Klaus, wenn er nicht mit Ruhe und Geduld einem nach dem anderen nach oben helfen würde. Mit etwas wackeligen Knien und neuen Aufgaben geht`s weiter: Tritte suchen, in den Fels greifen, Füße plan an die Steinplatte setzen, sich trauen und vertrauen, kämpfen, überwinden, durchziehen. Es gibt ein paar Momente, in denen ich mich frage „Was mach` ich hier?“ Aber es gibt noch mehr Momente, in denen ich denke „Das ist genau das, warum ich mich angemeldet habe!“ So kämpfe ich mit mir selbst und sporne mich immer wieder an, wenn ich nicht gerade schnaufe, wie ein Walfisch im Wasser. Irgendwann spüre ich, wie die Bewegungen anfangen zu fließen, und eine Seilbrücke am Schluss bringt mich jetzt nicht mehr aus der Ruhe. Geschafft! Das große Geröllfeld rutschen wir locker ab und holen Punkt Zwölf die Badehose aus dem Kofferraum. Pause, Vesper, ein kühles Bad und Kaffee und Eis sind nun angesagt. Doch das Gefühl, in einem Seniorenheim gelandet zu sein, treibt uns weiter. Nun haben wir Blut geleckt und der Tag ist noch jung. Während die Vermieter den Großteil des Hasenzaunes abbauen – ich sage nur „Blacky, der Sieger!“ – betreiben wir Seilkunde und spinnen an der Idee, den Klettersteig am Lehner Wasserfall nochmals zu machen. Gesagt, getan! Jeder hat seine eigene Motivation. Martin, Gertrud und Tommy wollen die E-Stelle ruhiger und flüssiger überwinden. Ich finde Spaß am „Ecoklettern“. So habe ich ein kräftesparendes, weiches Klettersteiggehen getauft. Die Seilbrücke am Wasserfall lassen wir bewusst aus, denn dieses Erlebnis vom Vortag ist laut Gertrud nicht mehr zu toppen. Martin und Tommy fahren den gesamten Abstieg in Gedanken mit dem Bike hinunter und diskutieren lebhaft, welche Stellen wie zu fahren sind. Und bevor die ersten Regentropfen fallen, sitzen wir schon wieder im Auto. Marita und Andrea haben ein leckeres Abendessen vorbereitet und wir lassen den Abend bei Wein, Bier und lebhaften Diskussionen ausklingen.

Beim letzten Frühstück thront Blacky auf dem höchsten Stein im Garten und Martin überlegt ernsthaft, sich einen Hasen anzuschaffen. Leider legt Andrea ein entschiedenes Veto ein. Das Geplänkel der beiden geht am Klettersteig in St. Anton im Montafon sehr zum Vergnügen von uns anderen weiter. „Wer geht leichter und entspannter über die beiden langen Seilbrücken“ lautet die Streitfrage. Die Antwort bleibt offen, denn wir brauchen ja für unsere nächste gemeinsame Reise noch Gesprächsstoff.

Lieber Klaus, das habe ich absichtlich unterstrichen, sozusagen als Bitte, uns wieder mitzunehmen und uns wieder an deinem Wissen und Können und deiner gesunden Mischung aus Herausforderung und Spaß teilhaben zu lassen. Denn,  -  wir wollen noch ganz schön viel wissen.