Föhnsturm am Venediger

Schon im Vorfeld sorgte die Wettervorhersage für Stirnrunzeln: Ein Tief von Süden führte zu einer Südstaulage am Alpenhauptkamm – und genau da sollte unsere Skihochtourendurchquerung vom 8. bis 13. April 2018 rund um den Venediger verlaufen.

Nach einem Telefonanruf beim Hüttenwirt war klar, dass ein Aufstieg durch das enge Dorfertal zur Johannishütte nur frühmorgens erfolgen sollte, da die Gefahr von Nassschneelawinen durch die zunehmende Sonneneinstrahlung immer größer werden würde.  Am ersten Tag wurden wir also noch von der Sonne verwöhnt, die wir am Nachmittag auf der Terrasse der Johannishütte  bei Apfelstrudel und Kaffee genießen durften.

Am Montag war der Himmel bereits bedeckt, die Sicht war aber noch gut. So starteten wir früh zunächst Richtung Defreggerhaus, wo uns bereits kalter Wind ins Gesicht blies. Nach Überschreitung des Mullwitzaderls auf das Rainerkees wurde angeseilt. Über das Rainertörl steuerten wir dem Südgrat des Großvenedigers zu. Der böige Wind hatte sich mittlerweile zu einem richtigen Föhnsturm entwickelt, so dass wir ca. 20 m unterhalb des Gipfelgrates die weitere Besteigung abbrechen mussten. Schon das Abfellen war eine heikle Angelegenheit, durfte uns doch weder Fell, noch Ski, noch Stöcke oder Rucksack davon fliegen. Die folgende Abfahrt war wegen Windgangeln, Pressschnee und teils blankgefegtem Harsch wahrlich kein Vergnügen. Wegen Spaltengefahr hatte ich dann vor der Venedigerscharte Anseilen angeordnet. Die Sicht war durch die aufgewirbelten Schneekristalle stark eingeschränkt und so ging es zunächst mit Pflugbogenabfahrt durch die weiten Gletscherfelder des Obersulzbachkeeses abwärts. Nach kurzem Aufstieg erreichten wir denn die ersehnte Kürsinger Hütte – was für ein Gefühl, an einem warmen und windgeschützten Ort geborgen zu sein.

Der Dienstag begann zunächst mit ein paar sonnigen Abschnitten. Also Aufbruch zum Keeskogel, dem Hüttengipfel der Kürsigner Hütte. Nach einer Stunde Aufstieg aber hüllte uns dichter Nebel ein, der nicht so schnell wieder verschwinden wollte. Wir entschlossen uns zur Abfahrt zur Hütte und vertieften uns dort in die Kartenarbeit und Tourenvorbereitung für den nächsten Tag. Als am Nachmittag dann erneut sich ein Sonnenfenster auftat, steuerten wir erneut den Keeskogel an. Diesmal mit Erfolg und wir durften sogar gei guter Sicht die Berggipfel rund um das Obersulzbachkees genießen.

Wider Erwarten präsentierte sich das Wetter am Mittwochmorgen  mit Sonnenschein und blauem Himmel – allerdings nur auf der Nordseite. Über dem Hauptkamm waren mächtige Schneefahnen und Wolkenfetzen nicht zu übersehen und der starke, böige Wind war ständiger Begleiter auf unserem Weg über das Obersulzbachkees zum Maurer Törl. Nach 4-stündigem Aufstieg waren meine Befürchtungen, es könnte auf der Südseite dichter Nebel und schlechte Sicht herrschen, verflogen.  Während Daniela und Christine es vorzogen, in bestem Firn zur Essner-Rostocker Hütte abzufahren, schnallten Johannes, Stefan und ich  nochmals die Felle an, um zum Hohen Geiger aufzusteigen.  Leider vereitelten dichte Wolken ab 3200 m eine umfassende Sicht vom Gipfel. Doch wenig später konnten auch wir im schon etwas aufgeweichteren Firn zur Hütte abfahren.

Über Nacht setzte Schneefall ein und ein Besteigungsversuch auf das Rostocker Eck scheiterte mangels Sicht auf 2400 m.  Zurück auf der Hütte erstellten wir zu Übungszwecken eine Marschskizze, die wir im Gelände dann in die Tat umsetzten – und siehe da !- unsere anvisierten Punkte bei dichtem Nebel auch tatsächlich erreichten.

Nachdem am Freitagmorgen der Lawinenlagebericht ein Anstieg der Lawinengefahr von Stufe 3 auf Stufe 4 schon im Verlauf des Vormittags prognostizierte, war die Entscheidung für eine sofortige Abfahrt ins Tal schnell gefallen. Ein Vergnügen war die Abfahrt durchs enge Maurertal wieder nicht, da viele Lawinenkegel gequert werden mussten. Kaum eine halbe Stunde nach Ankunft auf dem Parkplatz in Steden donnerte mit großem Getöse eine Nassschneelawine vom Mullwitzkopf zu Tal. Wie froh waren wir, dieses Schauspiel von sicherer Stelle aus zu beobachten.

Im Nachhinein dürfen wir uns alle trotz der schwierigen Wetterbedingungen auf erlebnisreiche Tage in einer imposanten Gletscherwelt freuen, die uns sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben werden.